Sven Naumann sieht Dinge, die andere längst nicht mehr bemerken. Einen Streifen auf der Scheibe. Schmutz auf einem Glasdach. Ein Fenster, das dringend mal wieder ‚dran‘ wäre. Den „Reinigungsblick“ nennt er das. So routiniert das klingt: Der „alte Hase“ im Gebäudereinigungswesen hat noch Großes vor.
Sven Naumann steht in der Mensa der BTU in Senftenberg und zieht den Abzieher über eine große Glasscheibe. Bahn für Bahn. Hinter der Scheibe beginnt der ganz normale Alltag. Menschen kommen zum Essen, unterhalten sich, gehen wieder. Kaum jemand dürfte länger darüber nachdenken, warum die Scheibe, durch die er gerade schaut, eigentlich sauber ist. Sven schon. Denn wenn er seinen Job nicht machen würde, sagt er, hätte das irgendwann ziemlich sichtbare Folgen: „Da würde kein Licht mehr durchs Fenster reinscheinen.“
Sven ist Glas- und Gebäudereiniger bei der Dreher GmbH in Lauchhammer. Schulen gehören zu seinen Einsatzorten, Kitas und Banken, Unternehmen, Privathaushalte – und eben die Mensa in Senftenberg. Im Strukturwandel der Lausitz entstehen vielerorts neue Gebäude. Es werden mehr Hausmeister gebraucht, es müssen Außenanlagen gepflegt und eben Fenster geputzt werden. Ohne „operative Kräfte“, die Fachleute der Alltagsaufgaben, sähe es in der dynamischen Aufbruchsregion trübe aus.
Einmal weg. Und wieder zurück.
Sven kommt nach der Wende mit seiner Mutter nach Lauchhammer. 1999 beginnt er dort seine Ausbildung zum Glas- und Gebäudereiniger – in genau dem Betrieb, in dem er heute noch arbeitet. Nach seiner Ausbildung zieht es ihn zunächst woanders hin, wenn auch nicht weit weg: Vier Jahre arbeitet Sven im Tropical Islands.
2008 kehrt er zurück nach Lauchhammer und in seinen alten Betrieb. Und bleibt. Inzwischen blickt Sven auf mehr als zwei Jahrzehnte Berufserfahrung zurück. Man könnte meinen, irgendwann sei man fertig mit Ausbildung und Lernen. Sven sieht das anders.
Anfang 2026 beginnt er seine Meisterqualifizierung im Gebäudereiniger-Handwerk. Den dreitägigen Theorieteil hat er bereits bestanden. Die praktische Prüfung folgt jetzt im Herbst.
Arbeit mit Abwechslung
Svens Arbeitstag beginnt früh. Um Viertel vor sechs klingelt der Wecker. Kurz vor sieben steigt er aufs Fahrrad. Fünf Minuten später ist er bei der Arbeit. Von dort geht es gemeinsam mit den Kolleginnen und Kollegen weiter zu den jeweiligen Einsatzorten. Heute vielleicht in der Mensa. Morgen an den Glasdächern der Sparkasse in Senftenberg. Ein anderes Mal bei Takraf, wo Schrottmulden zur Reinigung sogar mit einem Kran bewegt werden müssen.
Gerade diese Abwechslung gefällt ihm. Am liebsten arbeitet Sven mit Glas. Und wer das lange genug macht, entwickelt offenbar einen besonderen Blick auf seine Umwelt.
Der Reinigungsblick
Seinen „Reinigungsblick“ sieht Sven als „Berufskrankheit“ mit überschaubaren Symptomen. Gebäudereinigung bedeutet heute weit mehr als Eimer, Lappen und Leiter. Für große Glasflächen arbeitet Sven beispielsweise mit einem Osmosegerät. Über eine Teleskopstange gelangt entmineralisiertes Wasser an Scheiben, die früher nur mit deutlich größerem Aufwand erreichbar waren. Das Wasser trocknet ohne Rückstände ab. Weniger Leiter. Mehr Technik. Und noch etwas hat sich verändert.
Plötzlich sichtbar
Früher kamen Gebäudereiniger häufig dann, wenn alle anderen schon gegangen waren. Die Büros waren leer, die Schalter geschlossen, der Arbeitstag für die meisten Menschen vorbei. Dann begann vielerorts die Reinigung. Heute erlebt Sven das anders.
Wir werden jetzt öfters gesehen.
Er arbeitet, während um ihn herum der normale Alltag weitergeht. Menschen essen in der Mensa, arbeiten im Büro oder gehen ihren Geschäften nach. Für einen Beruf, dessen Ergebnis häufig gerade darin besteht, dass nichts auffällt, ist das eine bemerkenswerte Veränderung.
Noch nicht fertig
Dass Sven nach 20 Jahren Berufserfahrung für seine praktische Meisterprüfung büffelt, ist für ihn der nächste Schritt in einem Handwerk, in dem Nachwuchs dringend gebraucht wird. Denn Menschen, die diesen Beruf lernen wollen, sind schwieriger zu finden. Dabei zeigt Svens eigener Weg, wie weit man darin kommen kann: von der Ausbildung über viele Jahre Berufserfahrung bis zum Meister. Und vielleicht braucht es dafür genau diesen besonderen Blick, den Sven längst nicht mehr abschalten kann. Den Reinigungsblick eben.