Spirulina kennen viele als Superfood aus dem Smoothie. Doch kann die Mikroalge auch im Kampf gegen Krebs helfen? An der BTU Cottbus-Senftenberg geht ein Forschungsteam genau dieser Frage nach. Und zeigt dabei, welche Chancen die Lausitz als Wissenschaftsstandort bietet.
Vom Superfood zur Krebsforschung: Was steckt in Spirulina?
Viele Menschen kennen Spirulina als „Superfood“ in Smoothies oder als Nahrungsergänzungsmittel aus der Drogerie. Was die wenigsten wissen: Hinter dem Namen verbirgt sich eine Mikroalge, deren Inhaltsstoffe weltweit Gegenstand wissenschaftlicher Forschung sind.
Auch in der Lausitz beschäftigen sich Forschende mit der unscheinbaren Mikroalge. Und zwar mit einer ziemlich großen Frage: Könnte Spirulina eines Tages dabei helfen, Leberkrebs zu bekämpfen? Im Forschungsprojekt AVantiLT an der Brandenburgischen Technischen Universität Cottbus-Senftenberg (BTU) untersucht ein Team, welche Inhaltsstoffe der Mikroalge das Wachstum von Lebertumorzellen hemmen können.
Dass Spirulina eine gesundheitsfördernde Wirkung hat, wird schon lange vermutet. Im Mittelpunkt von AVantiLT steht die Frage, ob dazu auch krebshemmende Eigenschaften gehören und was genau für die beobachteten Effekte verantwortlich ist.
„Wir möchten verstehen, welcher Inhaltsstoff verantwortlich ist und wie er wirkt. Genau dieses Verständnis ist die Grundlage für alle weiteren Entwicklungsschritte“, beschreibt Dr. Sarah Kammerer, die das Projekt gemeinsam mit Dr. Steffen Braune und Prof. Jan-Heiner Küpper leitet, den wissenschaftlichen Anspruch.
Im Senftenberger Labor wird die Alge zum Forschungsobjekt
Um herauszufinden, was in Spirulina steckt, beginnt die Arbeit des Forschungsteams schon beim Wachstum der Mikroalge. In speziellen Bioreaktoren wächst Spirulina unter kontrollierten Bedingungen heran, bevor die Forschenden ihre Inhaltsstoffe schrittweise isolieren und an verschiedenen Leberkrebs-Zelllinien testen.
Dabei interessiert sie besonders, wie die einzelnen Stoffe auf Krebszellen wirken und ob sie gesunde Leberzellen möglicherweise anders beeinflussen. Dass das Team die Mikroalge selbst kultiviert, ist dabei eine Besonderheit: So kann die Qualität der Rohstoffe genau kontrolliert und standardisiert werden. Das ist entscheidend, damit sich Forschungsergebnisse zuverlässig überprüfen und später möglicherweise für medizinische Anwendungen nutzen lassen.
AVantiLT verbindet damit mehrere Forschungsschritte, die sonst häufig getrennt betrachtet werden: von der Aufzucht der Alge über die Gewinnung ihrer Inhaltsstoffe bis zur Untersuchung ihrer Wirkung auf Zellen.
Ob daraus tatsächlich einmal ein neuer Wirkstoff gegen Leberkrebs entsteht, ist noch offen. Dr. Sarah Kammerer ordnet die Erwartungen an das Projekt dabei bewusst realistisch ein: „Die Entwicklung neuer Wirkstoffe ist ein langer Prozess. AVantiLT legt heute die wissenschaftlichen Grundlagen, auf denen später die Identifizierung von Wirkstoffkandidaten gegen Leberkrebs aufbauen könnte.“
Von Südtirol über Amsterdam in die Lausitz: Warum Sarah Kammerer in Senftenberg forscht
Wer an internationale Forschungskarrieren denkt, hat vermutlich zunächst große Wissenschaftsmetropolen im Kopf. Doch auch Senftenberg bietet Forschenden die Möglichkeit, anspruchsvolle wissenschaftliche Fragen zu verfolgen. Dr. Sarah Kammerer ist dafür ein Beispiel.
Die Wissenschaftlerin stammt aus Südtirol, studierte in Graz und Amsterdam und lebte nach ihrer Promotion zunächst in Berlin. Heute leitet sie das Projekt an der BTU Cottbus-Senftenberg gemeinsam mit Dr. Steffen Braune und Prof. Jan-Heiner Küpper. Für ihre Forschung hat sie in der Lausitz die passenden Bedingungen gefunden. Und sie wollte bleiben.
„Ich war bereits vor dem Projekt in der Lausitz und wollte dort bleiben. Durch AVantiLT konnte ich meine Forschung in dieser dynamischen Region weiterführen. Besonders spannend ist für mich, dass wir einen Organismus, den viele nur als Nahrungsergänzungsmittel kennen, wissenschaftlich völlig neu betrachten und seine Inhaltsstoffe systematisch untersuchen.“ (Dr. Sarah Kammerer)
Ein Vorteil des Forschungsstandorts Senftenberg ist für sie die enge Zusammenarbeit verschiedener Fachrichtungen. Algenbiotechnologie, Molekularbiologie und Zellbiologie arbeiten hier unmittelbar zusammen. Statt über große Entfernungen hinweg zusammenzuarbeiten, können sich die Forschenden auf kurzen Wegen austauschen und ihre unterschiedlichen Kompetenzen direkt in das Projekt einbringen.
Mitforschen statt nur im Hörsaal sitzen
Was für erfahrene Wissenschaftlerinnen und Wissenschaftler interessant ist, eröffnet auch Studierenden Möglichkeiten. Denn bei AVantiLT wird Forschung nicht nur gelehrt, sondern direkt im Labor betrieben. Und der wissenschaftliche Nachwuchs arbeitet daran mit. Bereits heute sind im Projekt vierzehn wissenschaftliche Abschlussarbeiten entstanden oder in Arbeit, darunter drei Promotionen.
Für die Studierenden bedeutet das: Sie beschäftigen sich mit einer konkreten Forschungsfrage, sammeln praktische Erfahrungen und können an wissenschaftlichen Erkenntnissen mitarbeiten, die möglicherweise einmal medizinisch relevant werden.
Gerade für junge Menschen, die sich für Biotechnologie, Molekularbiologie oder medizinische Forschung interessieren, lohnt sich deshalb ein genauerer Blick auf den BTU-Campus in Senftenberg. Hier können sie schon während ihres Studiums Teil eines Forschungsprojekts werden.
Kann aus Lausitzer Forschung ein neues Geschäftsfeld entstehen?
Bis aus einer Entdeckung im Labor ein marktfähiges Produkt wird, ist es meist ein weiter Weg. Bei AVantiLT wird dieser mögliche nächste Schritt aber bereits mitgedacht.
Deshalb arbeitet die BTU eng mit der neu gegründeten Carbon Biotech GmbH aus Senftenberg zusammen. Während die Universität die wissenschaftliche Forschung und Validierung übernimmt, bringt das Biotechnologie-Startup die industrielle Perspektive ein, also die Frage, wie sich Forschungsergebnisse später in größerem Maßstab und wirtschaftlich nutzen lassen könnten.
Denn was im Labor funktioniert, muss sich nicht automatisch für die industrielle Herstellung eignen. Inhaltsstoffe müssen in gleichbleibender Qualität gewonnen werden können, Herstellungsverfahren wirtschaftlich sein und mögliche Produkte die gesetzlichen Anforderungen erfüllen.
Genau hier setzt die Zusammenarbeit zwischen Universität und Unternehmen an. Sie soll dazu beitragen, wissenschaftliche Erkenntnisse frühzeitig auf ihre praktische Anwendbarkeit zu prüfen.
Langfristig könnte daraus eine regionale Wertschöpfungskette entstehen, von der Aufbereitung hochwertiger Spirulina-Rohstoffe über Laboranalytik bis hin zu Anwendungen in Ernährung, Nahrungsergänzung oder perspektivisch auch der Biomedizin.
Noch ist das Zukunftsmusik. Zunächst müssen die wissenschaftlichen Untersuchungen fortgesetzt und erste Möglichkeiten zur Herstellung kleinerer Produktmengen erprobt werden. Erst danach wäre eine industrielle Produktion in größerem Maßstab denkbar. Gelingt dieser Weg, könnten in der Lausitz langfristig zusätzliche qualifizierte Arbeitsplätze entstehen, beispielsweise in der Biotechnologie, der Produktentwicklung oder im Qualitätsmanagement.
Was eine Mikroalge über den Strukturwandel in der Lausitz erzählt
AVantiLT ist eines von vielen Forschungsprojekten, die zeigen, wie breit die Wissenschaft in der Lausitz inzwischen aufgestellt ist. Ob Biotechnologie, Medizin, Künstliche Intelligenz oder neue Energietechnologien: An verschiedenen Standorten der Region beschäftigen sich Forschende mit ganz unterschiedlichen Fragen und möglichen Anwendungen. Dabei entstehen auch neue Verbindungen zwischen Wissenschaft und Wirtschaft. Für Studierende und Fachkräfte eröffnen sich dadurch berufliche Perspektiven in Forschungsfeldern, die man vielleicht nicht auf Anhieb mit der Lausitz verbindet.



