Story

Die Meister der fliegenden Boote

Steven Hein hätte einfach Bankkaufmann bleiben können. Stattdessen steht er heute regelmäßig in Wathose im Wasser, montiert Bootslifte und bereitet sich darauf vor, den Familienbetrieb zu übernehmen. Eine Geschichte über Umwege, Unternehmergeist – und eine Familie, die ein „Das geht nicht“ nur anspornt.


Steven Hein steht in Wathose an einem See und montiert einen Bootslift. Metallteile werden ausgerichtet, Verbindungen gesetzt, die Anlage getestet. Am Ende soll das Boot auf Knopfdruck aus dem Wasser gehoben werden. Eine Beschreibung ihres Jobs haben Steven und sein Vater kürzlich so gehört: „Ihr seid die, die den Booten das Fliegen beibringen.“ Steven muss darüber lachen. Ein bisschen stimmt es ja.


Eigentlich war da erst einmal die Bank

Doch dass Steven einmal im Familienunternehmen arbeiten würde, war keineswegs ausgemacht. Sein Vater Steffen ist Maschinenbauer und Unternehmer. Steven macht nach der Schule bei der Sparkasse in Lübben eine Ausbildung zum Bankkaufmann und sammelt dort seine ersten Berufserfahrungen. Ein klassischer Bürojob statt Werkstatt. Zahlen statt Maschinen. Anzug statt Wathose. Irgendwann zieht es ihn dann doch in den Familienbetrieb. Zunächst nur dort, wo er gerade gebraucht wird. Er springt ein, hilft mit, lernt unterschiedliche Bereiche kennen.

Und merkt, dass ihm genau das liegt. Vor zwei Jahren wurde aus dem Springer Steven derjenige, der die Montage der Bootslifte weitgehend eigenständig verantwortet. Wenn eine Anlage beim Kunden aufgebaut wird, ist Steven dabei.


„Dann lass uns das selber angehen.“

Familie Hein besitzt ein Wassergrundstück in Schwerin bei Königs Wusterhausen. Irgendwann soll ein Lift fürs eigene Boot her. Steffen Hein schaut sich an, was auf dem Markt verfügbar ist – und ist unzufrieden. Vor allem die verbreitete Ölhydraulik stört ihn. Denn wo Hydrauliköl unmittelbar am Wasser eingesetzt wird, besteht bei einem Leck immer das Risiko, dass es ins Gewässer gelangt. Und das kann dramatisch werden: Ein einzelner Tropfen Öl kann bis zu 600 Liter Trinkwasser ungenießbar machen. Als Faustregel gilt laut Bundesumweltministerium, dass ein Liter Öl ausreicht, um rund eine Million Liter Grundwasser zu verunreinigen. Eine Million Liter! 

Steffen entwickelt eine Idee: Warum nicht Wasser selbst als Hydraulikmedium verwenden? Er erinnert sich an Anwendungen aus seiner Lehrzeit im Kraftwerk. Und dann kommt ein Satz, der ziemlich gut beschreibt, wie die Familie Hein an solche Dinge herangeht: „Wir sind doch Maschinenbauer. Dann lass uns das Thema selber angehen.“Doch viele Menschen, mit denen Steffen darüber spricht, sind skeptisch. Wasser statt Öl? In einer leistungsfähigen Hydraulik? Das werde nicht funktionieren. Für die Heins ist das eher Ansporn als Argument.

„Viele haben gesagt: Das funktioniert nicht. Wir beweisen, dass es geht.“

Mit Unterstützung des Bundesverbandes mittelständische Wirtschaft und einer Förderung aus dem Bundesprogramm „Unternehmen Revier“ wird aus der Idee schließlich ein marktreifes Produkt. Das Programm ist Teil des Strukturwandels in der Lausitz und unterstützt regionale Unternehmen dabei, innovative Ideen zu entwickeln, neue Produkte auf den Markt zu bringen und sich zusätzliche Geschäftsfelder zu erschließen. Denn Wirtschaftsinnovationen sind ein wichtiger Treibstoff für den Strukturwandel: Sie schaffen neue Perspektiven für Unternehmen und helfen dabei, die Wirtschaft der Region breiter aufzustellen.

Wie das ganz praktisch aussehen kann, zeigt AMS Alteno. 2023 begann die Entwicklung der wasserhydraulischen Bootshebeanlage. Gut ein Jahr später war das Produkt marktreif und wurde 2024 sogar mit dem Zukunftspreis Brandenburg ausgezeichnet. Für den Familienbetrieb aus Luckau bedeutet das einen großen Schritt: Aus dem bisherigen Zulieferer wird ein Unternehmen mit einem eigenen Produkt und einem neuen Geschäftsfeld namens AMS Waterfront Systems. Damit zeigt der Betrieb, was im Strukturwandel der Lausitz auch für kleine und mittelständische Unternehmen möglich ist.


Vater tüftelt. Sohn baut auf.

Heute arbeiten Steffen und Steven Seite an Seite. Und trotzdem macht jeder etwas anderes. Der Vater ist der Tüftler. Er entwickelt, denkt über neue Anwendungen nach, kümmert sich um technische Lösungen und Patente. Sohn Steven ist näher an der praktischen Umsetzung. Er fährt zu den Kunden, baut die Anlagen auf und erlebt unmittelbar, ob das, was in Duben entwickelt wurde, draußen funktioniert. Dabei ist er längst nicht mehr nur „der Sohn vom Chef“.

Steven und sein Vater wissen, dass sich ihre Rollen noch einmal verändern werden – dann, wenn Steven den Betrieb übernimmt. Wandel im Kleinen, in einer Region, die sich im Großen wandelt.  

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