Story

Große Forschung.Kleines Senftenberg.

Können Spirulina-Algen zur Tumorbekämpfung eingesetzt werden? Madhumitha Prakash will es wissen. Die Inderin kam 2022 aus der pulsierenden indischen Großstadt Chennai nach Senftenberg und forscht dank der Förderung im Lausitzer Strukturwandel an einer grünen Mikroalge, die vielleicht einmal Leben rettet. 


Dabei sieht ihr Forschungsgegenstand auf den ersten Blick ziemlich unspektakulär aus. Grün ist er. Sehr grün. In den Reaktoren im Labor der BTU Cottbus-Senftenberg wächst Spirulina. Die Mikroalge kennen viele Menschen vor allem als Nahrungsergänzungsmittel. Madhumitha Prakash untersucht gemeinsam mit dem AVantiLT-Forschungsteam, welches Potenzial Inhaltsstoffe der Alge für medizinische Anwendungen haben – unter anderem im Zusammenhang mit Krebszellen. Dafür kontrolliert sie das Wachstum der Algen, misst pH-Werte und optische Dichte, erntet Biomasse und dokumentiert sehr genau, unter welchen Bedingungen die Kulturen wachsen.


Ein ziemlich großer Schritt

2022 kommt sie aus Chennai nach Deutschland. Sie hat sich an mehreren Hochschulen beworben und verschiedene Zusagen erhalten. Ihre Wahl fällt auf die BTU Cottbus-Senftenberg. Nach dem Leben in der gewohnten, dicht besiedelten indischen Millionenstadt ist die Ruhe am See vor allem eines: gewöhnungsbedürftig. Hinzu kommt die Sprache. Madhumitha merkt schnell, dass sie mit Englisch im Alltag nicht überall weiterkommt. Ihre Deutschkenntnisse wiederum reichen zunächst noch nicht aus, um sich so selbstverständlich zu verständigen, wie sie es gerne möchte. Also beginnt sie zu üben. Und zwar nicht nur an der Universität. 

Ein Job bei einer Fastfoodkette wird für sie ganz nebenbei zum Sprachtraining. Sie spricht Deutsch, macht Fehler, lernt weiter – und irgendwann passiert etwas, womit sie selbst vielleicht nicht gerechnet hat: Deutsch zu sprechen macht ihr Spaß. Mit der Sprache wird ihr die neue Umgebung vertrauter. Mehr noch: Senftenberg wird ein Stück Zuhause. Und etwas ganz Überraschendes nimmt Form an.


Zwischen Hörsaal und Labor

2024 beginnt Madhumitha ihre Masterarbeit und steigt gleichzeitig als studentische Mitarbeiterin in das Forschungsprojekt AVantiLT unter Leitung von Prof. Dr. Jan-Heiner Küpper ein, möglich gemacht durch den Strukturwandel in der Lausitz. Das Team untersucht das medizinische Potenzial von Spirulina. Madhumitha kümmert sich um die Kultivierung der Algen und arbeitet daran mit, die Abläufe im Labor so genau zu standardisieren, dass die Ergebnisse später reproduzierbar sind. Denn wenn die gewonnenen Daten später Grundlage für weitere medizinische Untersuchungen sein sollen, muss nachvollziehbar sein, wie sie entstanden sind. Für Madhumitha bedeutet das viel Verantwortung – aber auch die Möglichkeit, bereits während ihres Studiums an echter Forschung mitzuwirken. 

Besonders wichtig ist ihr dabei das Team. 18 Menschen arbeiten in der Forschungsgruppe, darunter mehrere internationale Wissenschaftlerinnen und Wissenschaftler. Und Madhumitha erlebt etwas, das ihr gerade am Anfang Sicherheit gibt: Sie kann unbefangen Fragen stellen. Niemand gibt ihr das Gefühl, eine Frage sei zu klein oder selbstverständlich. Genau dafür ist sie bis heute dankbar. „Wann immer ich Zweifel hatte, konnte ich mich an jeden wenden und meine Fragen stellen. Man hat mich nie herablassend behandelt.“

Whenever I had any doubt, I could go to anybody and ask my questions. They never belittled me.

Aus der Studentin, die neu an die BTU kommt, wird so Schritt für Schritt eine junge Wissenschaftlerin, die ihren eigenen Teil zu einem Forschungsprojekt beiträgt. Und dabei verändert sich etwas ganz Entscheidendes für sie.


Und nach dem Labor? See.

Madhumithas Leben in Senftenberg besteht nicht nur aus Hörsaal, Reaktoren und grünen Mikroalgen. Von ihrem Wohnheim bis zum Senftenberger See ist es ungefähr ein Kilometer. Zwei- bis dreimal pro Woche geht sie dorthin. Spazieren. Abschalten. Allein sein. Gerade dieses Alleinsein hat für sie inzwischen eine besondere Qualität. Die junge Frau aus der indischen Millionenstadt beschreibt dieses Gefühl als eine Mischung aus Einsamkeit, Aufregung, Glück und Unabhängigkeit.

Unabhängigkeit? Ein großes Wort, scheinbar selbstverständlich und doch kostbar. Denn in Senftenberg kann sie Studium und Arbeit miteinander verbinden und gleichzeitig Geld zurücklegen. Für eine junge Frau, die allein in ein anderes Land gezogen ist, bedeutet das vor allem eines: Freiheit.


Forschung beginnt mit einer Idee

Wenn Madhumitha heute über Wissenschaft spricht, klingt das ziemlich unprätentiös. Für sie hängt gute Forschung nicht davon ab, ob sie in einer weltbekannten Metropole oder an einer Universität mit möglichst großem Namen stattfindet. Sie beginnt an einem anderen Punkt: „Forschung entspringt einer Idee – und der Art und Weise, wie man sie wahrnimmt und wie man sie verwirklichen möchte.“

Research comes from an idea and how you perceive it and how you want to make it happen.

Vielleicht passt dieser Gedanke auch zu Madhumithas eigener Geschichte. Sie kam nach Senftenberg, weil sie hier gute Bedingungen für ihr Studium gefunden hatte. Dann kam das Forschungsprojekt. Ein Team, in dem sie sich entwickeln konnte. Mehr Sicherheit in einer fremden Sprache. Die erste eigene finanzielle Unabhängigkeit.

Und ein See, der inzwischen zu ihrem Alltag gehört. Aus dem zunächst ungewohnten Leben in einer kleinen Stadt ist etwas geworden, das Madhumitha heute ziemlich treffend auf einen Satz bringt: „Wie große Forschung, aber irgendwie auch mit bezahlbarem Leben.“

Like big science, but with affordable life somehow as well.

Große Forschung und ein bezahlbares Leben. Für Madhumitha geht beides zusammen. In Senftenberg.

Vom Labor in die Region

Was Madhumitha Prakash im Labor erarbeitet, könnte später auch außerhalb der Universität wichtig werden. Denn damit aus wissenschaftlichen Erkenntnissen einmal marktfähige Produkte werden, müssen die Herstellungsprozesse zuverlässig und wiederholbar sein. Genau daran arbeitet Madhumitha mit ihrem Team.

Bei AVantiLT wird deshalb von Anfang an mitgedacht, wie Forschungsergebnisse später wirtschaftlich genutzt werden könnten. Die BTU Cottbus-Senftenberg arbeitet dafür eng mit dem Senftenberger Biotechnologie-Startup Carbon Biotech GmbH zusammen. Während die Universität die wissenschaftlichen Grundlagen erforscht, bringt das Unternehmen die Perspektive einer möglichen industriellen Produktion und Vermarktung ein.

Langfristig könnten daraus neue Produkte, regionale Wertschöpfungsketten und qualifizierte Arbeitsplätze entstehen. Noch steht diese Entwicklung am Anfang. Doch genau darum geht es beim Strukturwandel in der Lausitz: Aus Forschung vor Ort sollen neue wirtschaftliche Perspektiven für die Region entstehen.

Gefördert wurde AVantiLT über das Strukturstärkungsgesetz Kohleregionen (StStG Kohle) sowie über das Bundesprogramm Unternehmen Revier.

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